Neuigkeiten

Sehr geehrte Angehörige der Heilberufe,

das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) möchte Sie über Folgendes informieren:

Zusammenfassung:

  • Es liegen zahlreiche, neue Berichte über schwere Nebenwirkungen bei der Anwendung von Cytotec außerhalb der zugelassenen Indikation vor.
  • Cytotec ist nicht zur Geburtseinleitung zugelassen.
  • Cytotec-Tabletten sind nicht für eine Teilung konzipiert, so dass bei Teilung eine korrekte Dosierung nicht gewährleistet werden kann.
  • Cytotec ist lediglich zur oralen Einnahme vorgesehen. Die Bioverfügbarkeit/Pharmakokinetik bei anderen Anwendungsarten (z.B. sublingual oder buccal), die den First-Pass-Effekt umgehen, wurde im Rahmen der Zulassung von Cytotec nicht geprüft.
  • Auf dem deutschen Markt sind Arzneimittel mit anderen Wirkstoffen verfügbar, die unter bestimmten Bedingungen für eine Geburtseinleitung am Termin zugelassen sind.
  • In anderen EU-Mitgliedsländern sind misoprostolhaltige Arzneimittel u. a. zur oralen oder zur vaginalen Anwendung für die Geburtseinleitung (z.B. Angusta oder Vagiprost) zugelassen, die unter bestimmten Voraussetzungen für deutsche Patientinnen eingeführt werden können.

Hintergrund zu den Sicherheitsbedenken

Das BfArM erreichen vermehrt Meldungen von schweren Nebenwirkungen (einschließlich exzessive uterine Tachysystolie, Uterusrupturen; reduzierter fetaler Herzrhythmus), die im Zusammenhang mit einer Anwendung von Cytotec außerhalb der Zulassung (sog. off-label-use) auftraten. Cytotec enthält das Prostaglandin E1-Derivat Misoprostol und ist lediglich als Ulkustherapeutikum zugelassen. Den Nebenwirkungsberichten ist zu entnehmen, dass Cytotec außerhalb der Zulassung im Rahmen von Geburtseinleitungen angewendet wurde. Für die Anwendung von Cytotec bei der Geburtseinleitung liegen keine ausreichenden Daten zur Beurteilung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses vor.

Die entsprechenden Nebenwirkungsberichte zeigen zudem, dass die gemäß Zulassung mit einer Mahlzeit und ausreichend Flüssigkeit einzunehmende Cytotec-Tablette auch über andere Anwendungsarten (sublingual, rektal etc.) verabreicht wurde. Für das Arzneimittel Cytotec ist bei diesen Anwendungsarten, die den First-Pass-Metabolismus von oral verabreichtem Misoprostol umgehen, weder das Ausmaß der Resorption noch die Bioverfügbarkeit behördlicherseits geprüft worden. Weiterhin geht aus den neuen Fallberichten hervor, dass den Patientinnen häufig Teildosen der sechseckigen Cytotec 200 µg-Tablette verabreicht wurden, obwohl diese nicht für eine Teilung konzipiert ist, so dass eine ungenaue Dosierung resultiert. Zudem lagen die Dosierungen nominal trotz unbekannter systemischer Exposition teilweise deutlich über denen, die seitens der WHO empfohlen werden bzw. die für in anderen EU-Mitgliedsländern zugelassene Arzneimittel zur oralen oder vaginalen Verabreichung gelten.

Am 22.11.2017 wurde mittels Rote-Hand-Brief auf die Gefahr exzessiver, uteriner Tachysystolie, die möglicherweise nicht auf eine Tokolyse anspricht, im Zusammenhang mit der Anwendung von Misoprostol (Misodel: vaginales Wirkstofffreisetzungssystem) hingewiesen:

https://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RHB/2017/rhb-misodel.pdf

Diese und weitere Nebenwirkungen wie Uterusrupturen und vorzeitige Plazentaablösungen sind auch für das Arzneimittel Cytotec bekannt. Es darf, basierend auf der Produktinformation, nicht bei Schwangeren angewendet werden.

In Deutschland stehen alternative Therapieoptionen zur Verfügung, welche unter bestimmten Bedingungen für die Geburtseinleitung am Termin zugelassen sind (u. a. dinoprostonhaltige und oxytocinhaltige Arzneimittel).

In einigen EU-Mitgliedsländern sind zudem alternative misoprostolhaltige Arzneimittel zur oralen Anwendung (Bsp: Angusta) oder zur vaginalen Anwendung (Bsp: Vagiprost) zugelassen, die unter bestimmten Voraussetzungen für deutsche Patientinnen eingeführt werden können.

Aufruf zur Meldung von Nebenwirkungen

Die Meldung des Verdachts auf Nebenwirkungen nach der Zulassung ist von großer Wichtigkeit. Sie ermöglicht eine kontinuierliche Überwachung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses des Arzneimittels. Angehörige von Gesundheitsberufen sind aufgefordert, jeden Verdachtsfall einer Nebenwirkung (auch bei einer Anwendung außerhalb der Zulassung) den örtlichen Vertretern der Zulassungsinhaber oder der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) zu melden.

Alternativ können Verdachtsfälle von Nebenwirkungen auch dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) elektronisch über das Internet (www.bfarm.de – Arzneimittel – Pharmakovigilanz – Risiken) oder schriftlich an die Postadresse Kurt-Georg-Kiesinger-Allee 3, 53175 Bonn oder per Fax an 0228/207 5207 gemeldet werden.


„Die Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin e. V. (DGPM) begrüßt die Information des  Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte im Rote-Hand-Brief bezüglich des Medikaments Cytotec, das in Form einer 200-µg-Tablette im Handel erhältlich ist. Da die Sicherheit unserer Patientinnen und Kinder oberste Priorität haben ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass Cytotec, das 200 µg des Wirkstoffs Misoprostol enthält, zur Geburtseinleitung am Termin nicht geeignet ist. Ebenso sollte das eigenhändige Zerteilen dieser Tabletten unterlassen werden, da hierdurch keine korrekte Dosierung erzielt werden kann. Da Misoprostol zur Geburtseinleitung einen hohen Stellenwert besitzt, sollten Klinikapotheken Misoprostol-Tabletten in geeigneter Dosierung zur Verfügung stellen oder diese niedriger dosierte Tabletten importiert werden. Über den Off-Label-Use ist selbstverständlich weiter aufzuklären.“

Stellungnahme zur Berichterstattung über „Cytotec zur Geburtseinleitung“

Die Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin (DPGM), die Deutsche Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie e. V. (DGGG), die Arbeitsgemeinschaft für Geburtshilfe und Pränatalmedizin e. V. in der DGGG (AGG i. d. DGGG), die Deutsche Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin e. V. (DGPGM)  sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Ärztinnen und Ärzte in der Geburtshilfe und Frauenheilkunde e. V. (BLFG) möchten zur Berichterstattung über „Cytotec zur Geburtseinleitung“ Stellung nehmen.


Es wurde berichtet, dass mit „Cytotec“ ein Magenmedikament zur Geburtseinleitung verwendet wird, das in der Geburtshilfe „umstritten“ ist und in einer „bisher unveröffentlichten Umfrage“ in rund der Hälfte der deutschen Kliniken verwendet wird.


Es ist richtig, dass „Cytotec 200“ ein Medikament ist, das zum Schutz der Schleimhaut des Magens zugelassen wurde. Der Wirkstoff „Misoprostol“, ein Prostaglandin-E1-Analogon, hat wie andere Wirkstoffe auch Effekte an verschiedenen Organen. Es führt so zum Beispiel an der Gebärmutter zu einer Reifung des Gebärmutterhalses und Kontraktionen der Gebärmuttermuskulatur, weshalb es auch zur Geburtseinleitung verwendet wird. Entgegen der Berichterstattung ist der Wirkstoff Misoprostol zur Geburtseinleitung bei geburtshilflichen Experten nicht umstritten, weshalb fast alle Perinatalzentren höchster Ordnung diesen Wirkstoff verwenden. Hierbei wird nicht „Cytotec 200“ genutzt, sondern ein Misoprostol-Präparat geringerer Dosierung.


Die Behauptung, dass sich die Ärzte hierbei lediglich auf „Erfahrungswerte und Anwendungsbeobachtungen stützen“, ist falsch; es gibt keinen Wirkstoff zur Geburtseinleitung, der ähnlich gut in Studien untersucht wurde! Mittlerweile gibt es mehr als 80 randomisiert-kontrollierte Studien zur Verwendung von oralem Misoprostol zur Geburtseinleitung und dutzende randomisiert-kontrollierte Studien zur vaginalen Applikation.


Die Evidenz ist unstrittig: Der Wirkstoff Misoprostol ist das effektivste Medikament zur Geburtseinleitung und führt vor allem bei der oralen Anwendung zu weniger Kaiserschnitten als mit anderen Medikamenten (Dinoproston, Oxytocin).


Es ist korrekt, dass jedes Medikament potenzielle Nebenwirkungen haben kann. Zu den seltenen Nebenwirkungen von Misoprostol gehören erhöhte Temperatur/Fieber, Zittern und Überstimulation. In der Berichterstattung wurde von „in seltenen Fällen verstarben Mütter, nachdem ihre Gebärmutter nach der Gabe von Cytotec gerissen war“ gesprochen und sogar von „vielen mütterlichen Todesfällen“ und „mehrere Babys verstarben“ war die Rede. Diese Einzelfälle betreffen vor allem Geburten, bei denen im Vorfeld eine Operation der Gebärmutter (z. B. Kaiserschnitt, Entfernung von Myomen oder Endometriose) erfolgte. Hier gibt es unabhängig von einer Geburtseinleitung immer das Risiko, dass es zu einer Uterusruptur mit entsprechendem erhöhtem Risiko für Mutter und Kind kommen kann. In dieser Situation darf Misoprostol nicht zur Geburtseinleitung verwendet werden, was seit vielen Jahren bekannt ist und im klinischen Alltag beachtet werden muss. Ebenso dürfen Prostaglandin-Präparate (Misoprostol und Dinoproston) nicht gegeben werden, wenn Wehentätigkeit vorhanden ist, da dies zu Überstimulationen („Wehenstürmen“) führen kann. Komplikationen wie mütterliche und kindliche Todesfälle sowie peripartale Morbidität werden sehr wohl im Rahmen der Qualitätserhebung erfasst und an das IQTIQ (Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen) weitergeleitet.


„Cytotec 200“ ist nicht zur Geburtseinleitung zugelassen worden und darf daher nur im „Off-Label-Use“ hierfür verwendet werden. Da Zulassungsstudien fast aller Medikamente Kinder und Schwangere ausschließen, werden in der Geburtshilfe und Kinderheilkunde überwiegend Antibiotika, Bluthochdruckmittel und Medikamente zur kindlichen Lungenreifung „off-label“ angewendet. Auch die in der Berichterstattung erwähnten „zugelassenen“ Alternativen (Prostaglandine, Oxytocin) zur Geburtseinleitung sind nur in bestimmten Situationen je nach Gebärmutterhalsbefund zugelassen. Nicht erwähnt wurde in der Berichterstattung, dass der Wirkstoff Misoprostol in vielen Ländern zur Geburtseinleitung zugelassen wurde – und somit eher eine Besonderheit in Deutschland besteht. Diese Präparate heißen nicht „Cytotec“, sondern beispielsweise Angusta® oder Vagiprost®. Auch wenn manche internationale Gesundheitsbehörden wie die französische ANSM vor „Cytotec“ warnten, wurde dort das niedriger dosierte Misoprostol-Präparat Angusta® genauso wie in allen skandinavischen Ländern zur Geburtseinleitung zugelassen. Nachdem es bis zum letzten Jahr mit Misodel® ein zugelassenes Misoprostol-Präparat zur Geburtseinleitung in Deutschland gab, soll auch Ende 2020 in Deutschland mit der Zulassung von Angusta® gestartet werden.
Angesichts dieser ganzen Datenlage sind wir irritiert über die aktuelle einseitige Berichterstattung, die zu einer unnötigen und gefährlichen Verunsicherung der Schwangeren und der in die Betreuung der Schwangeren eingebundenen Fachkräfte führt(e).


Die Frauenärztinnen und Frauenärzte in Deutschland engagieren sich seit Jahren für eine hohe Qualität auch in der Geburtshilfe. Daher werden Komplikationen kontinuierlich erfasst und diese an zentrale Stellen gemeldet. Wir können aus den Daten entgegen der Berichterstattung schlussfolgern, dass Frauen, die zur Geburt eingeleitet werden (und keine Gebärmutteroperation in der Anamnese haben) sogar ein niedrigeres Risiko für schwere Komplikationen erleiden. Hinsichtlich der kindlichen Komplikationsraten muss immer das Risiko berücksichtigt werden, das zur Einleitung geführt hat.  
Aktuell ist eine S2k-Leitlinie zur Geburtseinleitung der DGGG, der SGGG  (Schweizer Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) und der OEGGG (Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) in Erstellung. Nach Sichtung der Literatur wird die Verwendung von Misoprostol zur Geburtseinleitung in der DACH-Region im Einklang mit den  anderen internationalen Leitlinien, z. B. USA (ACOG, American College of Obstetricians), Kanada (SOGC, Society of Obstetricians and Gynaecologists of Canada), Großbritannien (NICE, National Institute for Health and Care Excellence) und Frankreich (CNGOF, French national college of obstetricians and gynecologists), sowie der FIGO (International Federation of Gynaecology and Obstetrics) und der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization) empfohlen werden.


Die Stellungnahme wurde von Prof. Dr. med. habil. Sven Kehl und Prof. Dr. med. Michael Abou-Dakn verfasst.

Die Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin e. V.
Die Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin e. V. (DGPM) ist die älteste und mit Abstand größte Fachgesellschaft für das interdisziplinäre Gebiet „Perinatale Medizin" (Geburtshilfe/ Neonatologie und Nachbargebiete) im deutschsprachigen Raum. Aktuelle Entwicklungen des Faches im wissenschaftlichen oder politischen Bereich werden von der Gesellschaft unmittelbar durch Publikationen oder öffentliche Stellungnahmen begleitet.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V.
Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. (DGGG) ist eine der großen wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland. Sie hat sich der Stärkung der Fachgebiete der Frauenheilkunde und Geburtshilfe verschrieben und fördert das gesamte Fach und seine Subdisziplinen, um die Einheit des Faches Frauenheilkunde und Geburtshilfe weiter zu entwickeln. Als medizinische Fachgesellschaft engagiert sich die DGGG fortwährend für die Gesundheit von Frauen und vertritt die gesundheitlichen Bedürfnisse der Frau auch in diversen politischen Gremien.

Die Arbeitsgemeinschaft für Geburtshilfe und Pränatalmedizin in der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V.
Die Arbeitsgemeinschaft für Geburtshilfe und Pränatalmedizin in der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (AGG i. d. DGGG) ist eine selbständige Untergliederung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Sie verfolgt die Förderung der Wissenschaft und Forschung sowie der Aus- und Weiterbildung von Medizinern in dem Themen- und Aufgabenbereichen der Pränatal- und Geburtsmedizin. Er befasst sich mit allen klinischen, wissenschaftlichen und organisatorischen Anliegen auf diesem Gebiet.

Die Deutsche Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin e. V.
Die Deutsche Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin e. V. (DGPGM) ist eine der großen Fachgesellschaften in Deutschland mit dem Ziel, das Gebiet der Frauenheilkunde in Praxis, Klinik und Forschung zu vertreten. Darüber hinaus soll der Pränatal- und Geburtsmedizin im Interesse von Müttern, Kindern und Familien zu einer den Fortschritten entsprechenden Anerkennung und einer angemessenen Förderung verholfen werden.

Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Ärztinnen und Ärzte in der Geburtshilfe und Frauenheilkunde e. V.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Ärztinnen und Ärzte in der Geburtshilfe und Frauenheilkunde e. V. vertritt die Interessen der Chefärztinnen und -ärzte der Frauenheilkunde und Geburtshilfe aus Deutschland zum Wohl der Patientinnen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft setzt sich dafür ein, allgemein das Verständnis der Belange des Berufsstandes zu verbessern. Auf dem alle zwei Jahre stattfinden Chefärzte-Kongress werden politisch, wissenschaftlich und gesellschaftlich relevante Aspekte thematisiert und diskutiert.

Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) und selbstlernenden Systemen (Deep Learning) ist im beruflichen wie auch im privaten Umfeld eine Selbstverständlichkeit geworden und ist daher nicht mehr wegzudenken. Die Rechner machen gegen Schachweltmeister eine ganz gute Figur. Der PC komponiert einfühlsame Musikstücke, Man kann mit einem PC eine hochrangige Jazz-Session veranstalten. Der PC schreibt nette Gedichte und an Flugplätzen oder in Hotels kann man sich mit den kleinen freundlichen Robotern köstlich unterhalten. Körperlich anstrengende Tätigkeiten wie Rasenmähen, Fensterputzen oder Autoherstellung überlassen wir in der Zwischenzeit natürlich dem Roboter. 

Viele tragen heute schon Fittness- oder Lifestyle-Armbänder, sogenannte „Wearables“ oder nutzen Apps auf den Smartphones, die die täglichen Aktivitäten genauso dokumentieren können wie die persönlichen Schlaf-, Sex- und Essensgewohnheiten. Patienten tragen implantierte Messgeräte, deren Werte nahezu in Echtzeit entweder zur reinen Dokumentation, aber auch im Notfall, versehen mit einem Alarm, übertragen werden können. Durch eine Speicherung in der „Cloud“ sind alle persönlichen Gesundheitsdaten jederzeit und überall verfügbar, ob daheim, auf der Geschäftsreise und unterwegs im Urlaub mit der Familie. Die digitale Sphäre wird zunehmend in den Körper eindringen. Der Nanoroboter im Gehirn ist nicht mehr nur science fiction.

Warum soll der Roboter dann nicht auch die Patientenbetreuung übernehmen, da wir ja einen zunehmenden Ärztemangel und große Probleme bei der Umsetzung von Anforderungen im Pflegeberuf haben? Zudem ist die Rechenleistung unseres Gehirnes begrenzt, beim Computer ist keine Ende der Effektivität absehbar. Wie im September 2019 in Presseberichten veröffentlicht, scheint dem Team von Google gerade der große Durchbruch mit dem Quantencomputer gelungen zu sein. Mit der „Quantenüberlegenheit“ kann eine Rechenleistung, für die ein herkömmlicher Computer 10.000 Jahre benötigt, vom Quantencomputer in 3,3 Minuten gelöst werden. Bei dieser außerordentlichen Rechenleistung stellt man sich die Frage, ob die Anwendung der Rechenleistung des menschlichen Gehirnes zur Lösung von Problemen dann noch gerechtfertigt ist. Stephen Hawking hat dazu ja bereits ein klares Statement abgegeben: “The development of full artificial intelligence could spell the end oft he human race“. Wenn der Mensch dann vielleicht noch in Reservaten als Fehlentwicklung der Evolution zu bewundern sein wird, dann wird die medizinische Betreuung dieser einstmals selbstbewußten Spezies sicher auch von KI übernommen worden sein. Wenn wir diese Entwicklung noch etwas hinausschieben wollen, dann ist die intensive Beschäftigung mit dieser Thematik dringend angezeigt.

Wo liegen nun die Chancen und Risiken von KI? Klare Vorteile hat die KI natürlich in der Unterstützung bei der Bewältigung der für das menschliche Gehirn nicht mehr überschaubaren Datenmenge in der Medizin. Durch die genetische Diagnostik (Whole genome Sequencing), Omicstechnologien, 3 D- Bildgebung wird ein leistungsfähiger Computer allein für die Dokumentation gebraucht. Zusätzlich wird KI in der Diagnostik eingesetzt werden, da die Befunde rascher, zuverlässiger, kostengünstiger und unabhängig der Erfahrung des Mediziners erstellt werden. Therapiealgorithmen mit Berücksichtigung der aktuellen Literaturdaten werden unmittelbar mit der Diagnosestellung zur Verfügung stehen. Wenn diese Information dann von jedem Patienten auf dem Smartphone abgerufen werden kann, dann steht jedem Patienten die aktuell höchste medizinische Kompetenz zur Verfügung, was vor allem für Entwicklungsländer ein enormer Vorteil sein kann. Ändert sich ein Therapiekonzept aufgrund von neuen Studien, dann wird dem „KI-Arzt“ der neue Algorithmus einprogrammiert und es wird ab dann weltweit der neue Therapiealgorithmus umgesetzt. Wenn man bedenkt wie viele Kongresse, Publikationen und Leitlinien es heute bedarf bis der herkömmliche Arzt auf neue Therapiekonzepte reagiert, dann ist der „KI-Arzt“ natürlich für den Patienten zu bevorzugen.

Ein Nachteil des „KI-Arztes“ besteht nun darin, dass sich auch ein Computer fehleranfällig ist. Bei einem weltweiten Einsatz des „KI-Arztes“ wirkt sich der Fehler in sehr kurzer Zeit auf Millionen von Patienten umgehend aus. Durch die intensive Vernetzung der Daten ist es auch normal, dass es zu Verwechslung von Patientendaten kommt. Ich durfte vor wenigen Wochen selbst mit stauenden Augen miterleben, wie Ultraschallbilder von einer anderen Patientin in eine laufende pränatale Ultraschalluntersuchung eingespeist wurden. Die Patientinnen wurden zwar mit dem gleichen Ultraschallprogramm, aber völlig unterschiedlichen Identifikationsnummern im Programm aufgerufen. Es wurden hoch pathologische Befunde in eine normale Untersuchung eingespeist. Bei einer Analyse der Befunde durch den Computer hätte der KI-Arzt mit großer Wahrscheinlichkeit den Schwangerschaftsabbruch bei einer völlig normalen Schwangerschaft empfohlen. Man könnte nun an unzähligen Bespielen die Gefahr von KI in der Patientenbetreuung aufzeigen. Wie anfällig KI für Fehler ist, konnte man beim KI-Arzt Dr Watson von IBM gut mitverfolgen. Der KI-Arzt hat zusätzlich den Nachteil, dass er auch die individuelle Entscheidung des Patienten nicht „verstehen“ kann. Viele Entscheidungen der Patienten sind ja manchmal sogar für den menschlichen Arzt schwer nachvollziehbar, aber der Wille des Patienten muss der zentrale Ankerpunkt unserer Therapiekonzepte sein. Die Risiken von KI sind jedoch vermeidbar, wenn der menschliche Arzt und nicht der KI-Arzt endgültige Therapieplanung in Absprache mit dem Patienten vornimmt. Dafür ist es aber erforderlich, dass KI transparent, nachvollziehbar und erklärbar bleibt. Wir brauchen klare Regularien, dass die endgültige Entscheidung beim Arzt liegt. Ebenso sind ethische und iuristische Probleme zu bedenken. Wer ist bei Fehlern zur Verantwortung zu ziehen, der Computer oder der Arzt? Mit diesen Fragestellungen müssen wir uns zunehmend beschäftigen, wenn wir vermeiden wollen, dass Techniker uns Programme zur Verfügung stellen, wo wir die Entscheidungswege nicht mehr nachvollziehen können.

KI wird die Medizin bereits in den nächsten Jahrzehnten entscheidend verändern. Ob sich dabei das technisch machbare System oder das für den Menschen adäquate Konzept durchsetzen wird, das wird davon abhängig sein, wie intensiv wir Mediziner uns hier einbringen. Ärzte die sich nicht mit KI beschäftigen, wird man in 10 – 20 Jahren nicht mehr benötigen. Wenn wir KI jedoch sinnvoll einsetzen, dann werden wir wieder Zeit finden, uns um die Wünsche des Patienten zu kümmern. Wir werden wieder Zeit für eine empathische Betreuung unserer Patienten finden. Dann wird der Arzt aber ganz sicher nicht überflüssig sein, sondern er wird weiterhin eine entscheidende Rolle in der Betreuung von Patienten haben. Um hier die Weichen frühzeitig richtig stellen zu können, ist eine intensive Beschäftigung mit KI, Big Data, Robotik, Machine Learning und Deep Learning erforderlich. KI muss stärker in die Ausbildung der Studenten eingebracht werden. Es muss einen hohen Stellenwert in der Facharztausbildung und Weiterbildung bekommen und sollte auf Kongressen und in der Literatur ein bestimmendes Thema werden. Wenn wir die Weichen richtig stellen, dann stehen uns mit dem Einsatz von KI enorme Chancen in der Umsetzung einer personalisierten Medizin zur Verfügung. Wenn wir uns von „Big Data“ einfach überrollen lassen, dann wird eine individualisierte menschliche Medizin auf der Strecke bleiben.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr F. Kainer

Am 11. September 2019 ist Prof. Dr. med. Uwe Lang nach kurzer, schwerer Krankheit in Graz verstorben. Viel zu früh aus seinem Schaffen gerissen, hat er dennoch als Wissenschaftler und Arzt die deutschsprachige Gynäkologie und insbesondere die Geburtshilfe und Perinatalmedizin nachhaltig beeinflusst.
Uwe Lang wurde am 10. September 1957 in Alsfeld (Hessen) geboren. Nach dem Abitur studierte er von 1976 bis 1983 in Marburg, Würzburg und Texas (University of Texas at Austin / Texas Medical Center in Houston) Medizin und approbierte 1983 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, an der er auch neben seinem Medizinstudium einige Semester Jura studierte. 1987 wurde er mit seiner Arbeit zur „Morphometrische Untersuchungen am maternalen und fetalen Pankreas von Meerschweinchen unter kohlenhydratreicher Ernährung“ an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg promoviert, er fand so früh das klinisch-wissenschaftliche Feld, das seinen weiteren Werdegang prägen sollte.
Nach seinem Wehrdienst als Sanitätsoffizier war Uwe Lang von 1985 bis 1991 als wissenschaftlicher Assistent am Zentrum für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Justus-Liebig-Universität Gießen unter der Leitung von Prof. Wolfgang Künzel tätig. Von 1991 bis 1993 forschte er im Rahmen eines DFG-Stipendiums am Perinatal Research Center der University of Cincinnati.
Uwe Lang legte 1994 die Facharztprüfung „Frauenheilkunde und Geburtshilfe“ ab und kehrte als Oberarzt nach Gießen zurück. 1996 erhielt er die Anerkennung der fakultativen Weiterbildung „Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin“ sowie „Spezielle Operative Gynäkologie“ und im Jahr 1997 der „Gynäkologischen Endonkrinologie und Reproduktionsmedizin“. Im Jahr 1995 absolvierte er erfolgreich die United States Medical Licensing Examination (USMLE-FMGEMS). Im gleichen Jahr habilitierte er sich bei Prof. Dr. Künzel mit dem Thema „Intrauterine Wachstumsrestriktion – Konzept eines Modells“.

Nach mehreren Jahren als Leitender Oberarzt und Stellvertretender Direktor der Universitätsfrauenklinik Gießen, die ihn 2002 zum außerplanmäßigen Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe ernannte, wurde er 2004 als Ordinarius auf den Lehrstuhl für Geburtshilfe und Gynäkologie der Medizinischen Universität Graz berufen und 2005 zum Vorstand der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Medizinischen Universität Graz ernannt. Mit der ihm eigenen Ruhe und Beharrlichkeit sowie seinem Humor und seiner Führungskompetenz

verhalf er der angeschlagenen Klinik national und international wieder zu dem ihr gebührenden klinisch-wissenschaftlichen Ansehen. Leider machte seine unerwartete Krankheit allen beruflichen und privaten Plänen ein jähes Ende.

Aufbauend auf seinen internationalen wissenschaftlichen Kontakten suchte Uwe Lang bei seiner wissenschaftlichen Arbeit vor allem den interdisziplinären Ansatz. In Fortsetzung seines DFG- Stipendiums beschäftigte er sich über sein gesamtes Berufsleben mit den Grundlagen der intrauterinen Wachstumsrestriktion, insbesondere der chronischen Minderperfusion der Plazenta am Tiermodell und durch die Etablierung eines Perfusionsmodells. An allen seinen beruflichen Wirkungsstätten etablierte und kooperierte er mit wissenschaftlichen Arbeitsgruppen, die national und international beachtete Forschung betrieben.

Seine klinische Weitsicht zeigte sich im Aufbau eines – österreichweit einzigartigen - Zentrums für fetalchirurgische Eingriffe sowie der Erhaltung der universitären Reproduktionsmedizin.
Uwe Lang war Herausgeber und Gutachter von zahlreichen Fachzeitschriften sowie aktives Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler Gesellschaften, in denen er sich auch im Vorstand engagierte. Uwe Lang war seit 2004 im Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und wurde 2013 zum Präsidenten gewählt. Drei Jahre lang leitete er mit seiner empathischen und verbindenden Art die Geschicke der OEGGG. Bis zu seinem Ableben war er Vertreter der OEGGG in der EBCOG und als Vorstandsmitglied aktiv.

Uwe Lang war ein heimatverbundener Mensch. Im Vogelsberg konnte er sich erholen, alte Freunde treffen und neue Ideen generieren. Mit der den Menschen dieser Region eigenen Ruhe und seinem Humor meisterte er die interkulturellen Herausforderungen an seinem neuen Arbeitsplatz und gewann das Vertrauen und den Respekt seiner Kollegen und Mitarbeiter. Seine ausgeglichene und Vertrauen erweckende Persönlichkeit war durch ungewöhnliches Einfühlungsvermögen für seine Patientinnen und Mitarbeiter/-innen gekennzeichnet.

Als engen Mitarbeitern, Weggefährten und Freunden bleibt uns Uwe Lang als kompetenter Gynäkologe und Geburtshelfer, Ordinarius mit ausgeprägter Weitsicht und Führungskompetenz, engagierter Wissenschaftler und Hochschullehrer mit herausragenden didaktischen Fähigkeiten in bester Erinnerung, nicht zuletzt aber auch als Mentor. Mit ihm hat die Frauenheilkunde einen ihrer herausragenden Vertreter verloren. Sein wohl abgewogenes Urteil und seine unaufgeregte Beharrlichkeit in der Sache sowie sein Lächeln fehlen uns!

Prof. Dr. med. Manfred Hohmann, Wiesbaden
Prof. Dr. med. Wolfgang Künzel, Gießen
PD Dr. Manfred Mörtl, Klagenfurt
PD Dr. med. Gunda Pristauz, Graz
PD Dr. med. Dietmar Schlembach, Berlin
Prof. Dr. med. Karl Tamussino, Graz

Als vor 50 Jahren in Berlin der erste „Perinatalkongress“ von Erich Saling eröffnet wurde, hatte ein Fortbildungskongress im Vergleich zu heute sicher eine völlig andere Zielrichtung. Es gab damals weder powerpoint-Präsentationen noch ein überall verfügbares Internet mit dem man „Dr Google“ befragen konnte. Auch standen keine evidenzbasierte Leitlinien zur Verfügung. Kongresse spielten daher eine wichtige Rolle, wenn es darum ging, mit seinem Wissen „up to date“ zu sein.

Heute kann problemlos auf nationale und internationale Leitlinien zugegriffen werden. Bei speziellen Fragestellungen steht online die aktuelle Literatur zur Information zur Verfügung. Metanalysen von prospektiv randomisierten Studien helfen bei der Umsetzung einer optimalen individualisierten Therapie. Man ist nicht mehr auf das „eigene Bauchgefühl“ oder die subjektive Meinung von selbst ernannten Spezialisten angewiesen. Also wozu noch Kongresse ?

Das Kongressmotto „Hinter dem Horizont geht’s weiter“ beschreibt sehr gut, dass es nicht ausreicht, sich nur daran zu orientieren, was gerade im Blickfeld ist. Es ist nicht ausreichend nur bis zum Horizont „up to date“ zu sein, sondern es ist entscheidend, heute die richtigen Weichen für eine optimale Entwicklung in der Perinatalmedizin zu stellen.

Neue Diagnosemöglichkeiten wie die Omicstechnologien, Gentherapien und Stammzelltherapien sind nur einige der Fragestellungen, die uns in Zukunft beschäftigen werden. Die Digitalisierung und der Einsatz der Künstlichen Intelligenz (KI) werden zentrale Zukunftsaufgaben sein, die sinnvoll in die Betreuung der uns anvertrauten Patienten eingebunden werden müssen. Der unkritische Einsatz von Analysen aus großen Datenmengen (Big data) kann in Einzelfällen sogar den Tod des uns anvertrauten Patienten verursachen. Hier ist die gemeinsame Diskussion aller Berufsgruppen die sich mit „Perinatalmedizin“ befassen gefragt, um Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen. Neben der Diskussion in den zahlreichen Vortrags- und Postersitzungen spielt jedoch auch der persönliche Kontakt in den Pausen oder bei den Abendveranstaltungen eine wichtige Rolle. Das persönliche Gespräch ist trotz Digitalisierung ein ganz entscheidender Faktor um bei vielen sehr komplexen Fragestellungen noch einen „Durchblick“ zu bekommen.

Das Zitat „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“ belegt treffend, wie anspruchsvoll der Blick in die Zukunft ist. Das Zitat wird neben dem Komiker Karl Valentin, dem Politiker Winston Churchill, dem Autor Kurt Tucholsky aber auch dem Naturwissenschaftler Nils Bohr zugeschrieben. Das zeigt, dass nicht nur Wissenschaftler mit dem Problem „Zukunft“ befasst sind, sondern dass auch Kultur und Politik einzubinden sind, wenn es darum geht, einigermaßen zuverlässige Weichen für die Zukunft zu stellen. Die Politik spielt für die Umsetzung einer guten Qualität der Betreuung eine wichtige Rolle. Mit einer unzureichenden Finanzierung und wenig durchdachter Struktur der Kliniken kann keine optimale Qualität der medizinischen Betreuung umgesetzt werden. Es wird daher auf dem Kongress kritisch hinterfragt, ob die derzeitige Politik mit der Umsetzung von sog. Planungsrelevanten Qualitätsparametern nicht auf dem falschen Weg in die Zukunft unterwegs ist.

Der Kongress hat aber auch weiterhin eine zentrale Aufgabe, wenn es darum geht das derzeitige Wissensgebiet bis zum Horizont zu beleuchten. Dabei ist sicher der wissenschaftlich vorhandene Horizont meist deutlich breiter und weiter als der individuelle Horizont der Einzelperson. Ist man zusätzlich kurzsichtig, was ja auch in jungen Jahren schon möglich ist, dann verschwinden am Horizont automatisch viele Details. Mit der Altersweitsichtigkeit sieht man zwar sehr gut in die Ferne, Probleme vor Ort sind aber meist nicht mehr zuverlässig zu erkennen. Es macht daher Sinn, wenn man den „wissenschaftlichen Horizont“ im Rahmen eines Kongresses gemeinsam beleuchtet. Dies führt zweifelsohne zu einer Erweiterung des eigenen Horizontes. Es wird am Kongress die ganze Bandbreite des Wissens bis zum Horizont ausgeleuchtet. Die aktuelle Literatur wird diskutiert, aber es wird auch in zahlreichen Kursen die Möglichkeit geboten seine handwerklichen Fähigkeiten zu verbessern.

„Zusammen sind wir stark“: Ein weiterer Vorteil des interdisziplinären Kongresses ist, dass hier die Fachbereiche Geburtshilfe – Neonatologie – Hebammenkunde gleichrangig vertreten sind.
Ein Kongress macht daher auch heute noch Sinn macht. Man bekommt einen zusammenfassenden Überblick über den derzeitigen Wissenstand. Der gemeinsame Blick hinter den Horizont hilft, die Weichenstellung für die nächsten Jahrzehnte richtig zu planen. Im eigenen, sowie im Namen des Kongresspräsidenten Rolf Schlößer sowie des Vorstandes der DGPM laden wir Sie herzlich zum nächsten Kongress für Perinatale Medizin vom 28. – 30. November 2019 nach Berlin ein. Aktuelle Informationen erhalten Sie über www.dgpm- kongress.de

Mit freundlichen Grüßen
Ihr F. Kainer (Präsident der DGPM)

Zurück zur Übersicht

Prof. Dr. Ekkehard Schleußner
Klinik für Geburtsmedizin
Universitätsklinikum Jena

Wie immer am Jahreswechsel lasse ich das vergangene Jahr Revue passieren und schaue was im neuen Jahr so auf mich zukommt. Welche Schlagzeilen des Jahres 2018 werden wichtig bleiben?

  • Wärmstes Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichungen vor 130 Jahren (FAZ 2.11.18)

  • Jahrhundertsommer mit Langzeit tropischen Temperaturen

  • Rhein und Elbe führen Niedrigwasser wie noch nie

  • Größter Wirtschaftsbetrug wird verharmlost zum Dieselskandal und bleibt – noch – ohne Folgen

  • Fahrverbote in zahlreichen großen deutschen Städten für ältere Diesel

  • Klimagipfel in Katowice ignoriert IPCC Sonderbericht 1,5° (IPPC 2018)

Ach, jetzt kommt das Gutmenschengequatsche auch schon in die ZGN – muss das sein? Was geht uns als Kinder- und Frauenärzte das schon an?

Naja, zum einen natürlich, weil ich persönlich betrogen wurde als ich vor 5 Jahren ganz bewusst „blue tec“ made in Germany gekauft habe. Und zum zweiten jetzt höhere Benzin- und Dieselpreise bezahlen muss, weil die Öltanker nicht mehr den Rhein hinauf kommen und auf die Schiene umgestellt werden muss. Da aber die Kapazitäten nicht reichen, werden die Raffinerien in den Ballungszentren im Südwesten und am Mittelrhein kaum mehr ausreichend versorgt (Wirtschaftswoche 20.11.2018).

Der Klimawandel ist in Deutschland angekommen- und in unseren Krankenhäusern!

Erinnern Sie sich noch an die lähmende Hitze in den Patienten- und Behandlungszimmern? Welches Krankenhaus in Deutschland hat eine durchgehende Klimatisierung außerhalb des OP- und ITS- Bereiches? Neun der zehn wärmsten Jahre sind im 21. Jahrhundert gemessen wurden (Umweltbundesamt, 06.08.18) – es ist nicht zu erwarten, dass sich dieser Trend ändert. Wird Geld da sein unsere Praxen und Krankenhäuser nachzurüsten?

Das ist keine rhetorische Frage, sondern eine eminent medizinische. Eine wesentliche Übersterblichkeit in Hitzeperioden wurde in Deutschland schon vor Jahren nachgewiesen- besonders betroffen sind Menschen mit Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und Demenz (weil da auch das Durstempfinden vergessen wird) (Statistisches Landesamt Baden-Württemberg 2017). Das Hitzeextrem mit stärkstem Gesundheitseffekt war bisher der Sommer 2003, in dem europaweit über 50.000 und in Deutschland etwa 7000 Menschen zusätzlich an den Folgen der Hitzebelastung starben (Bunz, Bundesgesundheitsblatt 2018).

Aber das betrifft nicht unbedingt unsere Patientenklientel, könnte man meinen. Doch auch das täuscht. Bereits 2013 publizierten italienische Kollegen, dass während Hitzeperioden in Rom die Frühgeburtlichkeit um 19% angestiegen ist. Ein systematischer Review von immerhin 36 Studien bestätigt diese Assoziation und beschreibt auch ein höheres Risiko für fetale Wachstumsrestriktion und intrauterinem Fruchttod (Zhang et al 2017). Und ganz aktuell zeigen Daten aus Seoul, dass pro 5,5° Temperaturanstieg die Frühgeburtenrate um ca. 3% steigt (Son et al. 2019). Das dürfte vor allem damit verbunden sein, dass die Rate an frühem vorzeitigem Blasensprung (PPROM) in den Sommermonaten pro 1° Temperaturanstieg um 5% (95% CI, 3%, 6%) höher ist – zumindest in den USA (Ha et al. 2018). Deutsche Zahlen gibt es dazu nicht......

Und dann steigt auch noch das Relative Risiko für ein neonatales Atemnotsyndrom auf 1.40 (CI95% 1.25, 1.56) – nein, nicht mit der Hitze, aber mit erhöhten Stickoxidwerten (Seeni et al 2018)....wie war das mit den Fahrverboten?....

Liebe Kollegen, schauen Sie sich die Botschaft des deutschen Raumfahrers Alexander Gerst aus der ISS an seine Enkel an. Er hat Recht – Wir können nicht sagen, wir hätten es nicht wissen können.

Ihr
Ekkehard Schleußner 
Schriftführer der DGPM

Alexander Gerst: Nachricht an meine Enkelkinder [with Closed Captions] – YouTube www.youtube.com/watch

Brachat-Schwarz w, Winkelmann U: Führt der Klimawandel zu einem Anstieg der »Hitzetoten«? Zur Abschätzung der Sterbefälle aufgrund hoher Temperaturen in Baden-Württemberg. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg www.statistik- bw.de/Service/Veroeff/Monatshefte/20170802

Bunz M, Mücke G. Bundesgesundheitsbl 2018 · 61:98 doi.org/10.1007/s00103-017-2679-6
Ha S, Liu D, Zhu Y, Sherman S, Mendola P. Acute Associations Between Outdoor Temperature and

Premature Rupture of Membranes. Epidemiology. 2018 Mar;29(2):175-182

IPCC, 2018: Summary for Policymakers. In: Global Warming of 1.5 °C. An IPCC Special Report on the impacts of global warming of 1.5 °C above preindustrial levels and related global greenhouse gas emission pathways, in the context of strengthening the global response to the threat of climate change, sustainable development, and efforts to eradicate poverty. Deutsche Übersetzung www.de-ipcc.de/media/content/SR1.5-SPM_de_181130.pdf

Schifano P, Lallo A, Asta F, De Sario M, Davoli M, Michelozzi P. Effect of ambient temperature and air pollutants on the risk of preterm birth, Rome 2001-2010. Environ Int. 2013 Nov;61:77-87

Seeni I, Ha S, Nobles C, Liu D, Sherman S, Mendola P. Air pollution exposure during pregnancy: maternal asthma and neonatal respiratory outcomes. Ann Epidemiol. 2018 Sep;28(9):612-618.e4. doi: 10.1016/j.annepidem.2018.06.003. Epub 2018 Jun 13.

Son JY, Lee JT, Lane KJ, Bell ML. Impacts of high temperature on adverse birth outcomes in Seoul, Korea: Disparities by individual- and community-level characteristics. Environ Res. 2019 Jan;168:460- 466

Zhang Y, Yu C, Wang L.Temperature exposure during pregnancy and birth outcomes: An updated systematic review of epidemiological evidence. Environ Pollut. 2017 Jun;225:700-712

Umweltbundesamt: Neun der zehn wärmsten Jahre im 21. Jahrhundert gemessen www.umweltbundesamt.de/themen/neun-der-zehn-waermsten-jahre-im-21-jahrhundert, aktualisiert 06.08.2018

Die Welt der –omics hat in den letzten 15 Jahren Einzug in die Medizin gehalten. Der Begriff -omics ist eine Wortneuschöpfung aus dem Forschungsbereich der Biologie und dient als Oberbegriff für molekularbiologische Methoden (genomics, transcriptomics, proteomics, metabolomics, secretomics…) die auf "-omic" enden. Das Suffix –omics hat, wie so vieles in der medizinischen Terminologie, seinen eigentlichen Ursprung in der griechischen Sprache. Es wird von „ομική„abgeleitet und bedeutet „weiblich“. Vielleicht ein weiterer Hinweis, dass die Zukunft der Medizin vom weiblichen Geschlecht bestimmt wird.

Mit der neuen Technologie werden bei jedem Patienten tausende von Merkmalen analysiert und es wird so versucht den individuellen Krankheitsverlauf zu charakterisieren. Die individuelle Betreuung von Patienten ist jedoch keine Erfindung der letzten Jahrzehnte, sondern war bereits bei den alten Griechen eine wesentliche Grundlage der Therapie. Neue diagnostische Möglichkeiten in den letzten 50 Jahren (Serumbiochemie, Chromosomenanalyse, Ultraschall, MRT-Diagnostik) haben Laborparameter in den Mittelpunkt der Betreuung gestellt, die aber meist nicht das Potential hatten, den individuellen Krankheitsverlauf zuverlässig zu erfassen. Es erfolgte häufig eine Therapie der Laborparameter. Zudem wurde der Patient durch die Spezialisierung der verschiedenen Fachgebiete in seine „Einzelbestandteile“ zerlegt, wo jeder sein Spezialgebiet perfekt beherrschte aber kaum jemand in der Lage  war, der den „ganzen“ Menschen im Blick hatte. Mit der zunehmenden Ökonomisierung ist das Wohl des Patienten weiter in den Hintergrund getreten. Es begann die Ärea der „Ökonomics“ und diese Phase ist noch nicht abgeschlossen. Unspezifische diagnostische Methoden, Spezialisierung der Fachgebiete, finanzieller Druck sind nicht die idealen Voraussetzungen für eine optimale individualisierte Behandlung der Patienten. Da ist es natürlich wünschenswert, dass am Horizont neue Technologien auftauchen, die möglicherweise das Potential haben, das Gesundheitswesen zu revolutionieren. Oder handelt es sich nur um neuen Wein in alten Schläuchen, wechseln wir nur die Namen und alles läuft wie bisher?

Mit verschiedenen Technologien (genomics, transcriptomics, proteomics, metabolomics, secretomics…) können nun molekularbiologischen Prozesse untersucht werden, die uns ein neues Verständnis der Pathophysiologie von Erkrankungen erschließen. Neben der Verbesserung der Diagnose und Therapie wird möglicherweise auch eine zuverlässigere Prognoseeinschätzung möglich werden.

Die Onkologie war eines der ersten Fachbereiche, in dem gezeigt werden konnten, dass eine individuelle Karzinomtherapie die Therapieoption der Zukunft darstellt. Inwieweit könnte dies auch die Perinatologie betreffen?

So ist zB ist die Frühgeburtenvermeidung ein bislang ungelöstes Problem, hier konnte in den letzten Jahrzehnten kein wesentlicher Fortschritt erzielt werden. Man versuchte anhand von umfangreichen epidemiologischen Studien Ansatzpunkte zu finden, um eventuell von Ländern mit sehr geringer Frühgeburtenrate zu lernen. Man hat dabei aber meist übersehen, dass die Diagnose einer Frühgeburt nicht in allen Ländern gleich definiert ist. Ja es gibt sogar Unterschiede innerhalb eines Landes, da die Grenze zwischen extremer Frühgeburt und einem Spätabort scheinbar fließend ist und neben allgemeinen Definitionen auch von der Einschätzung des beteiligten Fachpersonals abhängig ist. Auch sind die Patientenkollektive nicht vergleichbar, da bislang keine Untersuchungen aus dem Bereich der- omics durchgeführt wurden. Dabei spielt bereits das Genom von Mutter und Kind eine entscheidende Rolle in der Entstehung der Frühgeburt. Die entscheidenden Veränderungen im Genom zu erkennen, wäre ein erster wichtiger Schritt um die Risikogruppen besser zu erfassen. Eine genetische Variante des Progesteronrezeptors war möglicherweise eine Ursache für das Aussterben des Neantherthalers, da die Kinder immer häufiger zu früh geboren wurden. Zusätzlich Veränderungen im Bereich der Proteomics, der Zellinteraktion und schließlich der Organfunktion zu erfassen, führt möglicherweise auch zu ganz neuen Therapieansätzen. Die vielschichtige Pathogenese der Frühgeburt wäre ein ideales Krankheitsbild für den Einsatz der Omicstechnologien. Ebenso ist das Amnioninfektionsyndrom immer noch ein völlig unverstandenes Krankheitsgebiet, es wäre sehr wünschenswert, hier eine zuverlässigere Einschätzung der drohenden Infektion des Feten zu erkennen, um entscheiden zu können welche Schwangerschaft prologiert werden kann und welchen beendet werden muss.  Auch für die Diagnose der Infektion von Frühgeborenen würden sich völlig neue Diagnose und Therapiemöglichkeiten ergeben. Die CRP-Analyse ist ein Parameter der deutlich zu spät auftritt und den Krankheitsverlauf schlecht charakterisieren kann. Eine frühzeitige Erfassung einer drohenden Sepsis wäre sowohl für die Neonatologie als auch für die Geburtshilfe ein wesentlicher Baustein für einen optimalen Therapieerfolg. Eine Verzögerung des Therapiebeginnes erhöht die Mortalitätsraten dramatisch. Da eine genetische Disposition für die Entwicklung einer Sepsis vorhanden ist, wäre durch die Analyse des Genoms eine Erfassung der Risikogruppe möglich. Die Bestimmung von Transkriptomen ist technisch machbar und ohne Zweifel ist mit der Bestimmung der messengerRNA frühzeitig die Entwicklung einer Infektion vorhersehbar. Proteomics reflektieren den aktuellen Stoffwechselzustand des Organismus, wobei hier Analysen aus Blut und Urin möglich sind. Vor allem die Urinanalysen sind problemlos jederzeit möglich und sind dadurch vor allem in der Neonatologie von großer Bedeutung. Analysen aus dem Fruchtwasser könnten so möglicherweise frühzeitig eine Infektion anzeigen. Metabolimcs spielen derzeit vor allem in der Lebensmittelindustrie eine große Rolle. Neben dem Einblick in oxidative Phosphorylierung, die Glykolyse, die Proteolyse ist mit der Erfassung der mitrochondrialen Dysfunktion eine Beurteilung des Krankheitsverlaufes auf molekularer Ebene möglich.

Es gibt kaum ein Krankheitsbild in der Perinatologie, dass durch die umfangreichen Techniken der –Omics nicht profitieren würde.

Prof. Dr. Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat die Herausforderungen, die an uns in Zukunft gestellt werden  klar formuliert:  „Die neuen Möglichkeiten der Lebenswissenschaften stellen neue Anforderungen an die Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern, an die technische und informationstechnische Ausstattung und Vernetzung unserer Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie an eine nachhaltige Infrastrukturförderung“

Neben der Politik, die die finanziellen Möglichkeiten zur Verfügung stellen müsste, sind die Universitäten gefordert Strukturen zu schaffen, die sich wissenschaftlich intensiver mit der Thematik befassen.

Die Omicstechnologien sind neuer Wein in alten Schläuchen, die Grundstruktur der menschlichen Physiologie wird sich dadurch nicht ändern. Aber die neuen Möglichkeiten werden die Diagnose du Therapiemöglichkeiten zweifelsohne revolutionieren.